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20 Sep

Zukunft der psychiatrischen Versorgung: Brüche überwinden – Brücken bauen

Mittwoch, 20. September 2017

4. Dortmund-Hemeraner Fachtagung Psychiatrie und forensische Psychiatrie im Dialog

In den vergangenen Jahrzehnten konnten viele der schon von derp Psychiatrie-Enquete angeregten strukturellen Verbesserungen in der stationären, ambulanten und rehabilitativen Versorgung realisiert werden: Der Abbau von Großkrankenhäusern, die gemeindenahe Versorgung psychisch Kranker durch regionale psychiatrische Fachkliniken und psychiatrische Abteilungen an Krankenhäusern der Regelversorgung, der Ausbau der ambulanten Versorgung durch die Schaffung von Institutsambulanzen, die Förderung beratender und koordinierender psychosozialer Dienste in kommunaler, freigemeinnütziger und privater Trägerschaft, nicht zuletzt auch die Gleichstellung psychisch Kranker und somatisch Kranker innerhalb der gesetzlichen Finanzierungssysteme. Eine zentrale Forderung der Enquete: „so viel ambulant wie möglich, so wenig stationär wie nötig“ findet sich heute als Leitsatz in den Versorgungskonzepten vieler psychiatrischer Kliniken in Deutschland wieder.

Der Blick zurück auf eine erfolgreiche Reform der psychiatrischen Versorgung in Deutschland darf aber nicht den Blick darauf verstellen, dass dieses System selbst in einem stetigen Wandel begriffen ist – nicht immer zum Besseren – und manches, das erreicht wurde, heute Gefahr läuft zu scheitern. So trägt die drastische Verkürzung stationärer Behandlungsdauern in der Allgemeinpsychiatrie bei gleichzeitig ungenügendem Ausbau der ambulanten Versorgung durch niedergelassene psychiatrische und psychologische Psychotherapeuten nicht wenig zu der von vielen Fachleuten kritisierten „Drehtürpsychiatrie“ mit bei. Im Bereich des Maßregelvollzugs sind dagegen weiterhin (zu) lange stationäre Unterbringungsdauern, Entlassungshindernisse und eine unzulängliche nachstationäre Betreuung zu beklagen. In beiden Versorgungssystemen fehlen die „Brücken“ zwischen dem niedergelassenen Psychotherapeuten, dem Patienten, seinen Angehörigen und der Ambulanz der Klinik.

In einigen Bereichen haben sich die Versorgungsstrukturen und Finanzierungssysteme so spezifisch entwickelt, etwa in der stationären und ambulanten Suchtkrankenhilfe, dass die Inanspruchnahme spezifischer Angebote durch Patienten der allgemeinen Psychiatrie und Patienten des Maßregelvollzugs nur unter hohem Aufwand möglich ist – hier gilt es noch manche Brüche zu überwinden, bevor eine bedarfsorientierte Versorgung im Rahmen offener Kosten- und Finanzierungsregelungen Wirklichkeit wird. Andere Probleme der Versorgung psychisch Kranker haben ihre Wurzeln im gesamtgesellschaftlichen Kontext: Die Skepsis und die Vorbehalte, die psychisch Kranken in der Öffentlichkeit entgegenschlagen und die sich kaum gewandelt haben, seit Häfner seine empirischen Untersuchungen über das Stereotyp des „gefährlichen Geisteskranken“ vorgelegt hat. Die irrationalen Ängste, denen man in der Nachbarschaft begegnet, wenn eine Einrichtung für psychisch Kranke oder Behinderte, ein Wohnheim oder ähnliches geplant ist, die Wut und die Ablehnung, die sich in machen Bürgerinitiativen bündeln, wenn es um den Standort neuer Einrichtungen des Maßregelvollzuges geht.

Wir haben die 4. Dortmund-Hemeraner Fachtagung unter das Motto „Brüche überwinden – Brücken bauen“ gestellt. Die Qualität der psychiatrischen Versorgung in Deutschland wird nicht zuletzt davon abhängen, ob beides im Interesse einer bedarfsgerechten Versorgung psychisch Kranker und Suchtkranker gelingt.


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