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Ärzte aus dem Ruhrgebiet warnen vor erneuten Schulschließungen

Mediziner der Knappschaft Kliniken sehen darin einen Hauptgrund für psychische Belastungen bei Kindern und Eltern

Bergmannsheil und Kinderklinik Buer GmbH am 23.09.21

Dr. Thomas Finkbeiner, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Westfalen. und Dr. Marion Kolb, Leitende Ärztin der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen

Die vierte Welle kommt ins Rollen – besonders bei Ungeimpften: Rund einen Monat nach dem Schulstart in Nordrhein-Westfalen steigen die Corona-Inzidenzen vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Das heizt Diskussionen über ausgeweitete Quarantänemaßnahmen und erneute Schulschließungen wieder an. Diese Maßnahmen gefährden besonders die Psyche, warnen Ärztinnen und Ärzte der Knappschaft Kliniken – und zwar nicht nur die der Kinder, sondern auch die der Eltern.

Während der Pandemie ist die Nachfrage nach ambulanten psychotherapeutischen Behandlungen in den Knappschaft Kliniken sehr stark angestiegen. „Wenn Strukturen wie der Schulbesuch oder das Training im Sportverein wegfallen, kann das gravierende Folgen für die kindliche Psyche haben, wenn es wenig andere Halt gebende oder soziale Strukturen gibt“, sagt Dr. Marion Kolb. Die leitende Ärztin der Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen plädiert für die Jüngsten unserer Gesellschaft: „Kinder brauchen Stabilität, Verlässlichkeit und soziale Kontakte. Wenn soziale Kontakte und verlässliche Strukturen wegfallen, können bei vorbelasteten Kindern und Jugendlichen Probleme und psychische Störungen aufbrechen, die sonst nicht aufgebrochen wären.“

Hauptsächlich Mütter und sozioökonomisch Schwache betroffen

Vor allem sozioökonomisch schwächere Familien seien besonders stark von den Corona-Maßnahmen getroffen worden, so die Erfahrung von Dr. Marion Kolb. Die Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie steht in Gelsenkirchen, einer der ärmsten Städte Westdeutschlands mit einem hohen Anteil an Kinderarmut.

Armut als Risikofaktor sieht auch Dr. Thomas Finkbeiner, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Westfalen: „Eine kleine Wohnung und ein Laptop, der in der Familie geteilt wird, sind in der Pandemie plötzlich problematische Umstände geworden, die Menschen mit mehr Geld eher vermeiden konnten“, so der Facharzt. Besonders Mütter – ob alleinerziehend oder nicht – kommen vermehrt in seine Ambulanz. „Frauen kümmern sich trotz aller Emanzipation auch heute noch überwiegend um alle Familienangelegenheiten und stehen daher besonders unter Druck“, so Dr. Finkbeiner.

Eltern müssen sich Grenzen eingestehen

Bei ihm im Klinikum Westfalen suchen Eltern Hilfe, die unter Belastungsreaktionen wie innerer Unruhe, emotionaler Unausgeglichenheit oder Überforderungsgefühl leiden. „Es fehlt in der Pandemie die Planbarkeit. Eltern mussten plötzlich neben ihren sonstigen Verpflichtungen auch noch die fehlende Klassengemeinschaft und die Lehrer ersetzen“, erklärt Dr. Thomas Finkbeiner. Diese seien meist eine Kontrollinstanz oder ein Motivator für Kinder beim Lernen. „Eltern müssen lernen, selbstbewusst mit eigenen Grenzen umzugehen und sich auch mal offen eingestehen: Das kann ich nicht, dabei kann ich meinem Kind nicht helfen“, so der Psychiater.

Beide Mediziner sind sich einig: Für die psychische Gesundheit von Eltern und Kindern hat es oberste Priorität, dass Schulen und Vereine offen bleiben. Dies sei eine Vorsorge, um psychische Störungen zu vermeiden oder einer Chronifizierung bei vorhanden psychischen Störungen entgegenzuwirken.

Doch auch die Kliniken sind in der Pflicht. „Wir als Verbund sehen es als unsere gesellschaftliche Verantwortung, weiter Angebote zur Behandlung der körperlichen und seelischen Folgen von Covid-19 zu schaffen“, betont Andreas Schlüter, Hauptgeschäftsführer der Knappschaft Kliniken GmbH.

Die Knappschaft Kliniken GmbH steuert die sieben Krankenhausverbünde, an denen die Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See (DRV KBS) zu mindestens 50 Prozent beteiligt ist. Im Verbund aller Knappschaftskliniken werden jährlich fast 680.000 Patientinnen und Patienten versorgt. Dadurch entsteht ein Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro.

Als Tochtergesellschaft der DRV KBS ist die Knappschaft Kliniken GmbH Teil eines einzigartigen Verbundsystems. Zu diesem gehören neben der Minijob-Zentrale auch die Rentenversicherung, die Renten-Zusatzversicherung, die Kranken- und Pflegeversicherung KNAPPSCHAFT, ein eigenes medizinisches Kompetenznetz und die Seemannskasse.

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