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Wie Menschen andere Menschen verstehen

Ruhr-Universität Bochum am 22.11.21

Eine einzelne Strategie reicht nicht aus, um die komplexen sozialen Interaktionen des Alltags zu durchdringen.

Das Bochumer Forschungsteam: Julia Wolf, Albert Newen und Sabrina Coninx (von links) © RUB, Marquard

Um im Alltag erfolgreich mit anderen Menschen zu kooperieren oder zu konkurrieren, ist es wichtig zu wissen, was das Gegenüber denkt, fühlt oder möchte. Welche Strategien Menschen nutzen, um andere Personen zu verstehen, haben Dr. Julia Wolf, Dr. Sabrina Coninx und Prof. Dr. Albert Newen vom Institut für Philosophie II der Ruhr-Universität Bochum hinterfragt. Lange wurde angenommen, dass Menschen ausschließlich auf eine einzelne Strategie zurückgreifen: Mindreading. Gemeint ist damit, dass Menschen die mentalen Zustände anderer basierend auf deren Verhalten ableiten. In neueren Modellen ist diese Fähigkeit jedoch in den Hintergrund gerückt. Das Bochumer Team argumentiert nun, dass Menschen zwar verschiedene Strategien nutzen, dass aber auch das Mindreading eine wichtige Rolle dabei spielt. Sie beschreiben ihre Ergebnisse in der Zeitschrift „Erkenntnis“, online veröffentlicht am 10. November 2021.

Strategien zum Verstehen anderer

In den vergangenen Jahren kritisierten Forschende, dass das Mindreading zu kompliziert und zu anspruchsvoll sei, als dass es eine gängige Strategie für das Verständnis anderer Menschen sein könnte. Julia Wolf gibt ein Beispiel für Mindreading: „Wenn ich jemanden auf den Bus zulaufen sehe, schließe ich daraus, dass diese Person den Bus erwischen möchte“, sagt sie. „Dabei stelle ich mir entweder vor, dass ich selbst in der Situation bin, oder ich greife auf mein Wissen über allgemeine Gesetzmäßigkeiten bezüglich des Verhaltens anderer zurück.“

Um die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse anderer Personen zu erkennen, können Menschen aber auch anders vorgehen. Sie können anhand von körperlichen Merkmalen und anderen kontextuellen Hinweisen direkt erkennen, dass eine Person gestresst ist. Sie können aber auch basierend auf gelernten Verhaltensregeln vorhersagen, was eine Person als nächstes tun wird, ohne einen mentalen Zustand ableiten und zuschreiben zu müssen. „Wenn jemand in den Bus einsteigt, kann ich vorhersagen, dass die Person am Eingang ihr Ticket vorzeigt, ohne darüber nachzudenken, was die Person gerade bewegt“, so Sabrina Coninx.

Menschen kombinieren verschiedene Strategien

Mittlerweile gehen Forschende davon aus, dass Menschen mehrere Strategien kombinieren, um andere zu verstehen. „Wir argumentieren, dass das Mindreading dabei mehr ist als eine unzuverlässige und selten angewandte Reservestrategie – es hat eine besondere Bedeutung für die soziale Kognition“, fasst Albert Newen zusammen. Die Autorinnen und der Autor identifizieren drei Kriterien, anhand derer sich die Bedeutung von Mindreading überprüfen lassen würde: wie häufig es verwendet wird, wie zentral es ist und wie zuverlässig es ist.

Während mehr empirische Forschung nötig ist, um die Häufigkeitsfrage zu beantworten, sieht das Bochumer Team gute Gründe für die Annahme, dass Mindreading zentral für das soziale Verstehen ist. „Es ermöglicht uns, ein individuelles Verständnis für andere zu entwickeln, das über das Hier und Jetzt hinausgeht“, erklärt Julia Wolf. „Das spielt eine entscheidende Rolle für den Aufbau und die Pflege langfristiger Beziehungen.“

Die Forschenden sehen darüber hinaus keinen Grund anzunehmen, dass Mindreading weniger verlässlich als andere Strategien ist. „Alle Strategien haben eine begrenzte Zuverlässigkeit, nur über die Kombination ist eine zuverlässige soziale Kognition möglich“, sagt Sabrina Coninx. Die Bochumer Gruppe schlägt daher vor, nicht über soziale Kognition in Form von konkurrierenden Strategien zu denken. Sie gehen davon aus, dass die Strategien interagieren, sich gegenseitig unterstützen und flexibel kombiniert werden können, um der jeweiligen Situation optimal gerecht zu werden.

Förderung

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt die Arbeiten im Rahmen des Graduiertenkollegs Situated Cognition (GRK 2185/1) und des Projekts „The structure and development of understanding actions and reasons“ (NE 576/14-1).

Originalveröffentlichung

Julia Wolf, Sabrina Coninx, Albert Newen: Rethinking integration of epistemic strategies in social understanding: examining the central role of mindreading in pluralist accounts, in: Erkenntnis, 2021, DOI: 10.1007/s10670-021-00486-7

Gesundheitsforschung Psyche & Verhalten

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