Wir können Gesundheit
26 Sep

Der Arzt als Autor

Mittwoch, 26. September 2018 von Universität Witten/Herdecke

Was Mediziner von Literaturwissenschaftlern lernen können

Bislang war die Frage nach der „Autorposition“ und Urheberschaft eines Textes etwas, über das sich Literatur- und Sprachwissenschaftler Gedanken machten. „Erst in jüngster Zeit erhält die Diskussion auch in anderen Disziplinen wie der Medizin oder Pflegewissenschaft eine stärkere Aufmerksamkeit“, sagt Prof. Dr. Julia Genz, Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Witten/Herdecke (UW/H). „Die Patienten rücken in der medizinischen Kommunikation und Dokumentation immer stärker in den Mittelpunkt. Seit 2013 haben sie und ihre Angehörigen das Recht, die gesamte Krankenakte einzusehen, und nicht mehr nur ‚objektive Befunde‘ daraus.“ Gleichzeitig sind Medizinerinnen und Mediziner nach der Überarbeitung des „Genfer Gelöbnisses für Ärzte“ zukünftig verpflichtet, medizinisches Wissen „zum Wohl der Patienten und zur Förderung der Gesundheitsversorgung“ mit anderen behandelnden Kollegen zu teilen. „Für die ärztliche Dokumentation heißt dies, dass alle patientenbezogenen Aufzeichnungen – auch subjektive und persönliche Wertungen und Arbeitshypothesen – dem Patienten auf Wunsch grundsätzlich zugänglich gemacht werden müssen, so Prof. Genz. „Da die Dokumentation sich nun einerseits an Kollegen, andererseits an Patienten und damit medizinische Laien richtet, sehen sich die medizinischen Disziplinen zunehmend mit Fragen konfrontiert, die bisher eher in der Literaturwissenschaft und der Linguistik üblich waren, wie beispielsweise: Wer spricht in dem Text? Wessen Blickwinkel wird eingenommen? Wessen Sprache wird gesprochen? Wer übernimmt die Verantwortung für das Gesagte?“ Grund genug für Prof. Genz, das Thema einmal aus einer interdisziplinären Perspektive zu untersuchen. Dazu veranstaltet sie gemeinsam mit Prof. Dr. Paul Gévaudan von der Universität Paderborn vom 26. bis zum 28. September die Tagung „Sprechen, Schreiben, Erzählen. Polyphonie in literarischen, medizinischen und pflegewissenschaftlichen Diskursen“ an der UW/H.

„Sowohl in medizinischen als auch in linguistischen und literarischen Textsorten schwingen bewusst oder unbewusst mehrere Stimmen und Standpunkte mit“, sagt die Literaturwissenschaftlerin. „In einigen Bereichen, etwa der Pflege, kommt hinzu, dass sich bei professionell Pflegenden eine gewisse Sprachlosigkeit bezüglich vieler Tätigkeiten beobachten lässt, da sie über ein intuitives, habitualisiertes Wissen verfügen, welches bislang selten festgehalten wurde. Auf der Tagung werden wir uns deshalb aus linguistischer, literaturwissenschaftlicher, medizinischer sowie pflegewissenschaftlicher Perspektive mit verschiedenen fachspezifischen Textsorten wie dem Arzt-Brief, der Pflegedokumentation, dem Arzt-Patienten-Gespräch oder fiktionalen Texten befassen.“

Gemeinsam ist diesen Textsorten ein Phänomen, das „sprachliche Polyphonie“ genannt wird. Es handelt sich dabei um das gleichzeitige Auftreten verschiedener Stimmen (Stile, Formulierungen, deiktische Einbindungen wie „hier“, „dort“, „ich“, „jetzt“) und Standpunkte (Verantwortungen, Ansichten, Einstellungen). Genz: „Konkret geht es um die Frage, in wessen Namen und auf welche Art Sprechen, Schreiben und Erzählen geschehen, wer also jeweils Verantwortung für das Gesagte übernimmt, wessen Begrifflichkeit verwendet wird und wie die jeweiligen Kommunikationsverhältnisse optimiert werden können.“

In der Literaturwissenschaft und der Linguistik gibt es zur Klärung solcher Fragen bereits Instrumentarien, wie etwa das kulturwissenschaftlich-literaturwissenschaftliche Polyphoniekonzept von Michail Bachtin. Er geht davon aus, dass fremde Begrifflichkeiten in die Rede übernommen werden, indem ein Erzähler beispielsweise die Sprache von bestimmten Figuren übernimmt. Prof. Genz: „Ein gutes Beispiel ist der Satz ‚Wir gehen jetzt zur Oma‘. ‚Oma‘ ist in diesem Fall ein Begriff, der von einem Erwachsenen geäußert wird, aber die Kinderperspektive berücksichtigt.“

Ziel der Tagung soll es sein, Kriterien, die bisher gesondert in der Linguistik und in der Literaturwissenschaft entwickelt wurden, zusammenzuführen und in einem weiteren Schritt auf andere Fächer wie Medizin oder Pflegewissenschaft anzuwenden. „Idealerweise werden die neuen, interdisziplinär gewonnenen Erkenntnisse in die Literatur- und Sprachwissenschaft zurückgespiegelt und regen eine wünschenswerte verstärkte Zusammenarbeit dieser beiden geisteswissenschaftlichen Richtungen an“, so Genz. „Wichtig ist uns zudem, die Instrumentarien gemeinsam so zu entwickeln, dass mit ihrer Hilfe auch das Arzt-Patienten- beziehungsweise Pflege-Patienten-Verhältnis optimiert wird.“ Langfristiges Ziel sei es, ein Forschernetzwerk aus den beteiligten Fächern aufzubauen.

Rednerinnen und Redner u.a.:
– Hauptredner: Prof. Dr. Alain Rabatel (Professur für Sprachwissenschaft an der Ecole Normale Supérieure de Lyon, CNRS)
– Prof. Dr. Dirk Baecker, Lehrstuhl für Kulturtheorie und Management (UW/H)
– Prof. Dr. Jan Ehlers, Lehrstuhl für Didaktik und Bildungsforschung im Gesundheitswesen (UW/H)
– Prof. Dr. Tobias Esch, Leitung Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung (UW/H)
– Prof. Dr. Barbara Job, Lehrstuhl für Sprache und Kommunikation; Linguistik romanischer Sprachen (Universität Bielefeld)
– Prof. Dr. Matías Martínez, Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturgeschichte (Bergische Universität Wuppertal)

Weitere Informationen: Prof. Dr. Julia Genz, julia.genz@uni-wh.de oder 02302 / 926-835


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