Wir können Gesundheit

Wie kann die Hebammenversorgung verbessert werden?

Hochschule für Gesundheit am 16.09.20

Schwangere werden in Hessen von sechs bis sieben Hebammen abgelehnt, bis sie eine Hebamme finden, die sie betreuen kann. Das zeigt eine neue Studie, die Dr. Nicola Bauer, Professorin für Hebammenwissenschaft der Hochschule für Gesundheit (hsg Bochum), und Kristina Luksch, wissenschaftliche Mitarbeiterin im hsg-Studienbereich Hebammenwissenschaft, gemeinsam mit dem Deutschen Krankenhausinstitut (DKI) im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration (HMSI) erstellt haben. Das Gutachten, das Anfang September 2020 durch das Ministerium veröffentlicht wurde, zeigt den Hebammenmangel in Hessen auf und enthält Handlungsempfehlungen, um die Situation für Schwangere und Hebammen zu verbessern.

Nicola Bauer und Kristina Luksch haben das Gutachten als Mitglieder des Forschungsschwerpunktes Midwifery & Reproductive Health des Instituts für Angewandte Gesundheitsforschung (IAG) der hsg Bochum angefertigt. Grundlage des Gutachtens waren mehrere Befragungsstränge – unter anderem unter Hebammen, werdenden Hebammen im letzten Ausbildungsjahr beziehungsweise im sechsen bis achten Semester und an Müttern, deren Kinder im Jahr 2018 in Hessen geboren wurden. An der Hebammenbefragung haben 641 Hebammen und an der Befragung der werdenden Hebammen 56 Teilnehmer*innen aus Hessen teilgenommen. An der Mütterbefragung beteiligten sich 1.530 Frauen.

„Die Besonderheit des Gutachtens ist, dass die geburtshilfliche Versorgung durch Hebammen, aus vielen verschiedenen Blickwinkeln umfänglich betrachtet wurde: Aus Sicht der Mütter, Hebammen, Krankenhäuser, Hebammen-geleiteten Einrichtungen – wie Geburtshäusern -, werdenden Hebammen, Ausbildungseinrichtungen und durch Sekundäranalysen. Wir haben aus den Studienergebnissen heraus individuelle Maßnahmen entwickelt, die wir durch Workshops mit Expert*innen aus der Politik, Selbstverwaltung und Versorgungspraxis sowie von Hebammenverbänden und Elterninitiativen zusammengetragen haben“, erläuterte Kristina Luksch. Bauer: „Es ist auch die erste Bestandsaufnahme bundesweit, bei der werdende Hebammen im letzten Ausbildungsjahr beziehungsweise im sechsen oder achten Semester im Rahmen der Befragungen berücksichtigt wurden.“

Prof. Dr. Nicola Bauer, Leiterin des hsg-Studienbereichs Hebammenwissenschaft. Foto: hsg

So wurden Maßnahmen gegen den Hebammenmangel erstellt, die den Ausbau von Ausbildungskapazitäten und attraktivere Arbeitsbedingungen für Hebammen umfassen. Außerdem wurde eine Kapazitätssteuerung der Geburtshilfe entwickelt, die die Kapazitäten von Hebammen effizient steuert und beispielsweise Antworten auf die Fragen gibt, wie die Vermittlung von Hebammen für Frauen vereinfacht werden kann und welche Maßnahmen in der klinischen Versorgung notwendig sind.

Die Studie beantwortet die Fragen, ob es genügend Hebammen gibt, welche Leistungen (werdende) Mütter in Anspruch nehmen und wie zufrieden diese mit der erhaltenen Hebammenbetreuung sind. Luksch: „So bietet das Gutachten die Chance aufzuzeigen, wo Verbesserungspotenziale bestehen und wie sich die Versorgung mit Hebammenhilfe innerhalb der nächsten zehn Jahre entwickeln könnte.“

Das Gutachten zeigt, dass für fast alle Leistungsangebote von Hebammen in Hessen die Nachfrage das Angebot übersteigt, was den Zugang von Frauen und Müttern zur Hebammenversorgung erschwert.

„77 Prozent der Hebammen, die Schwangerenbetreuung anbieten, gaben an, dass sie mehr Anfragen erhielten, als sie annehmen konnten. Im Bereich der Wochenbettbetreuung waren es 93 Prozent. Die Mütterbefragung ergab, dass Frauen durchschnittlich sechs bis sieben Hebammen kontaktieren, bis sie eine Hebamme finden. 96 Prozent der Mütter wurden im Wochenbett von einer Hebamme entweder Zuhause und/oder in den Räumlichkeiten der Hebamme betreut. Dennoch empfand mehr als jede dritte Frau die Suche nach einer Hebamme für die Betreuung im Wochenbett als (sehr) schwierig“, so Bauer. Fast zwei Drittel der Mütter ohne Hebammenbetreuung im Wochenbett habe keine Hebamme mit freien Kapazitäten gefunden.

73 Prozent der Frauen, die klinisch geboren haben, empfanden die Anwesenheitszeit der Hebamme als genau richtig. Ein Viertel der Mütter hätte sich mehr Zeit für eine individuelle Betreuung gewünscht. Dennoch bewerten 71 Prozent die Betreuung während der Geburt mit (sehr) gut.

Hebammenwissenschaftlerin Bauer sagte mit Blick auf ganz Deutschland: „Schon länger wird ein Nationaler Geburtshilfegipfel gefordert, da die Probleme in der geburtshilflichen Versorgung – insbesondere durch Hebammen – nicht nur in einzelnen Bundesländern bestehen. Bundesweite Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgung von Frauen, ihren Kindern und Familien mit Hebammenhilfe sollten gemeinsam entwickelt und umgesetzt werden. Zum einen sollte der Zugang zur Hebammenhilfe für Schwangere und Mütter erleichtert werden und zum anderen sollten sich die Arbeitsbedingungen für Hebammen unbedingt verbessern, so dass der Beruf attraktiv ist.“

Kinder- & Jugendmedizin Gesundheitsberufe

MedEcon Ruhr © 2020

Wir können Gesundheit
MedEcon Ruhr