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Helfen uns der Begriff Esssucht und das dazugehörige Konzept um gegen übermäßiges Essen und Übergewicht anzugehen?

Universität Duisburg-Essen am 15.01.21

Die “Großen Debatten zur Ernährung” der Zeitschrift American Journal of Clinical Nutrition bieten eine Plattform für wichtige Diskussionen zur Ernährung. Die Betonung liegt auf Themen, die Patientenversorgung und allgemeine Gesundheit betreffen. Die aktuelle Debatte versucht zu klären, ob das Konzept der Esssucht (im englischen Food Addiction) unser Verständnis und die Behandlung von übermäßiger Kalorienzufuhr und Übergewicht verbessert hat. Dr. Ashley Gearhardt sieht beide Phänomene als Folge von Symptomen einer Abhängigkeit, wohingegen Dr. Johannes Hebebrand die gegenteilige Position vertritt.

Adipositas betrifft über 20% und 40%der deutschen bzw. amerikanischen Bevölkerung und erhöht die Risiken für Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfall, Altersdiabetes und Krebserkrankungen. Die aktuelle Debatte in The American Journal of Clinical Nutrition geht der Frage nach, ob das Konzept der Esssucht (im englischen als food addiction bezeichnet) hilfreich ist, um übermäßiges Essen und starkes Übergewicht (Adipositas) besser zu verstehen und entsprechende therapeutische Ansätze zu entwickeln. Prof. Dr. Ashley N. Gearhardt an der Universität von Michigan bejaht diese Frage, Dr. Johannes Hebebrand, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Duisburg-Essen, hingegen verneint diese. Prof. Hebebrand bestreitet, dass der Begriff Esssucht zu neuen und erfolgreichen Behandlungen bei übermäßiger Nahrungszufuhr bzw. Adipositas geführt hat.

Sowohl in Deutschland als auch in den USA stellen hochverarbeitete Lebensmittel, einschließlich Weißbrot, Plätzchen und Chips, den größten Teil der konsumierten Nahrungsmittel dar. Nach Gearhardt haben diese Nahrungsmittel zahlreiche Eigenschaften, die ähnlich wie Tabak und Alkohol eine Abhängigkeit auslösen können. Sie bestehen aus raffinierten Kohlenhydraten und Fetten, häufig in Verbindung mit Salz und Lebensmittelzusätzen, deren Konzentrationen bei weitem die entsprechenden Mengen in natürlichen Nahrungsmitteln, wie z.B. Obst, Gemüse und Fleisch überschreiten. „Genauso wie abhängigmachende Drogen sind hochprozessierte Nahrungsmittel komplexe, künstlich hergestellte Substanzen, die suchtauslösende Inhaltsstoffe (z.B. raffinierte Kohlenhydrate und Fette) enthalten,” sagt Prof. Gearhardt.

Die Evolution hat den Menschen dazu gebracht, eine Vorliebe für Kohlenhydrate und Fette zu entwickeln. Mit der Erhöhung des Kohlenhydrat- und Fettanteils in der Nahrung als Folge der Lebensmittelprozessierung wurden jedoch diese Lebensmittel derartig attraktiv, dass sie wie Suchtmittel wirken können. Diese hochprozessierten Lebensmittel sprechen, ähnlich wie Drogen, sehr effektiv das Belohnungssystem in unserem Gehirn an. Das unterscheidet sie von gering prozessierten Nahrungsmitteln. Folglich werden trotz des Wissens um die gesundheitliche Gefährdung übermäßige Mengen von hochverarbeiteten Lebensmitteln konsumiert. Die Menschen scheitern meist, wenn sie versuchen, ihren Konsum an prozessierten Nahrungsmittteln einzuschränken. „Dieses sich chronisch wiederholende Muster der exzessiven Aufnahme hoch prozessierter Nahrung trotz Wissen um deren gesundheitliche Bedenklichkeit ähnelt erstaunlich stark der Einnahme von Suchtmitteln”, sagt Prof. Gearhardt.

„Genauso wurde lange mit Zigaretten verfahren. Hoch prozessierte Lebensmittel weiterhin als nicht-suchtauslösend einzustufen, würde es der Nahrungsmittelindustrie erlauben, weiterhin neue abhängigkeitsfördernde hoch verarbeitete Nahrungsmittel herzustellen und an gefährdete Bevölkerungsgruppen zu vermarkten, um anschließend denjenigen, die überkonsumieren, die Schuld zu geben und ihnen einen Mangel an persönlichem Verantwortungsgefühl vorzuwerfen.”

Prof. Hebebrand argumentiert hingegen, dass das Konzept der Esssucht nicht dazu geführt habe, neue und erfolgreiche Strategien zu entwickeln, um übermäßiges Essen und Adipositas wirksam zu bekämpfen. „Vielmehr birgt das Konzept Esssucht das Risiko, dass damit davon abgelenkt wird, die Adipositaspandemie durch Verhaltensprävention zu bekämpfen.”

Nach Prof. Hebebrands Meinung nimmt die Adipositaserkrankung zu, weil sich die Umweltbedingungen dramatisch verändert haben. In den letzten Jahrzehnten ist die körperliche Aktivität rückläufig, sitzende Tätigkeiten haben zugenommen und wir verbringen insbesondere immer mehr Zeit vor Bildschirmen. Ausgeprägte Veränderungen der globalen Nahrungsmittelproduktion einhergehend mit stärker prozessierten, geschmacklich ausgefeilteren, billigeren und sehr effektiv vermarkteten Nahrungsmitteln tragen im Zusammenspiel dazu bei, dass sich die durchschnittliche Kalorienaufnahme erhöht hat. „Gemäß dieser Sichtweise können Übergewicht und Adipositas als ein vorhersagbares Resultat einer freien Marktwirtschaft verstanden werden, die auf Wachstum setzt,” so Prof. Hebebrand.

Prof. Hebebrand merkt zudem an, dass nur eine Untergruppe von Menschen mit Übergewicht Symptome einer Esssucht zeigen, die mit Hilfe der sogenannten Yale Food Addiction Skala erhoben werden. Er gibt zudem zu bedenken, dass stattdessen Esssuchtsymptome häufig bei Patientinnen mit Magersucht vorkommen. „Hier sollte man kritisch hinterfragen, inwieweit das Konzept der Esssucht hohes Gewicht erklärt”. Zusammenfassend kann eine Abhängigkeit allenfalls einen Anteil von Übergewicht bzw. Adipositas erklären. „Zudem müssten zahlreiche Differentialdiagnosen berücksichtigt werden. „Das Konzept der Esssucht hat bis heute nicht zu einer eindeutigen Verbesserung der Behandlung von Personen geführt, die übermäßig Kalorien konsumieren.”

Zusätzlich zu ihren jeweils individuellen Argumentationsbeiträgen haben Prof. Gearhardt und Prof. Hebebrand gemeinsam einen Konsensusartikel erstellt, in dem Übereinstimmungen und weiterhin bestehende Differenzen festgehalten werden. Beide Wissenschaftler stimmen dahingehend überein, dass es suchtartiges Essverhalten gibt. Weiterhin gehen beide davon aus, dass die Mechanismen teilweise überlappen, die zu suchtartigem Essverhalten und Drogenabhängigkeit führen. Beide sehen die Nahrungsmittelindustrie als maßgeblich mitverantwortlich für dieses Phänomen. Keine Übereinstimmung ergab sich bezüglich der Evidenz dafür, dass hoch prozessierte Nahrungsmittel tatsächlich eine Abhängigkeit erzeugen können. Es bestand keine Einigkeit bezüglich der medizinisch-psychologischen Einstufung des übermäßigen Konsums von hoch prozessierten Nahrungsmitteln als eine Form einer Drogenabhängigkeit. Letztlich bestand auch Dissens im Hinblick darauf, wie sich die die Einstufung von hoch prozessierten Lebensmitteln als suchtauslösend auswirken würde. Beide Wissenschaftler betonen die Notwendigkeit weiterer Forschung insbesondere um festzustellen, ob hoch prozessierte Nahrungsmittel suchtauslösend sind und auf welche Art und Weise dies geschieht.

“Große Debatten zur Ernährung” werden von David S. Ludwig herausgegeben, dem Ko-Direktor der New Balance Foundation Obesity Prevention Center am Boston Children’s Hospital und Professor für Pädiatrie an der Harvard Medical School.

Reference
Gearhardt AN and Hebebrand J. The concept of ‚food addiction‘ helps inform the understanding of overeating and obesity: YES. Am J Clin Nutr 2021 Jan 15 (Epub ahead of print; DOI: https://doi.org/10.1093/ajcn/nqaa343).
Hebebrand J and Gearhardt AN. The concept of ‚food addiction‘ helps inform the understanding of overeating and obesity: NO. Am J Clin Nutr 2021 Jan 15 (Epub ahead of print; DOI: https://doi.org/10.1093/ajcn/nqaa344).
Gearhardt AN and Hebebrand J. The concept of ‚food addiction‘ helps inform the understanding of overeating and obesity: Debate Consensus. Am J Clin Nutr 2021 Jan 15 (Epub ahead of print; DOI: https://doi.org/10.1093/ajcn/nqaa345).

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