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Krise als Katalysator

NRW-Kongress Telemedizin setzt Zukunftssignale für die digitale Gesundheitsversorgung

ZTG – Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH am 25.06.21

„Weg vom reaktiven Handeln hin zum proaktiven Behandeln“ – so muss eine moderne Patientenversorgung ausgestaltet sein. Der NRW-Kongress Telemedizin, veranstaltet als Online-Format von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin e. V. (DGTelemed) und der ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH, diskutierte zukunftsweisende digitale Anwendungen und Bedarfe für die Gesundheitsversorgung in und nach der Coronavirus-Pandemie in Nordrhein-Westfalen.

Sektorengrenzen überwinden

„Es ist Zeit für die flächendeckende und sektorenübergreifende telemedizinische Versorgung in Deutschland“, mit diesen Worten eröffnete Prof. Dr. med. Gernot Marx, FRCA, DGTelemed-Vorstandsvorsitzender, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und Direktor der Klinik für Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen, den NRW-Kongress Telemedizin 2021. Für diese Maxime brennen viele Akteurinnen und Akteure des Gesundheitswesens. So haben bereits einige innovative Telemedizinprojekte gezeigt, wie sektorenübergreifend erfolgreich medizinische Expertise ortsunabhängig und zeitlich flexibel ausgetauscht werden kann. Davon profitieren Patientinnen und Patienten besonders seit Beginn der Coronavirus-Pandemie.

Doch wie digital ist die Patientenversorgung in NRW? Einen Überblick gab Gerhard Herrmann, Leiter der Abteilung V Gesundheitsversorgung, Pflege- und Gesundheitsberufe, Krankenversicherung im Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. So habe die Krise bereits einige Impulse hin zu einer digital unterstützten Behandlung gesetzt, allerdings müsse das Zusammenspiel von Krankenhäusern, Ärztinnen und Ärzten sowie anderen relevanten Akteuren der Gesundheitsversorgung ausgebaut werden. Ziel sei eine flächendeckende telemedizinische Versorgungslandschaft. In die Telematikinfrastruktur (TI) und digitale Anwendungen werde in den nächsten Monaten und Jahren weiter investiert, so Herrmann.

Bei der anschließenden Diskussionsrunde sprachen Mitglieder des NRW-Landtags über die Digitalisierung des Gesundheitswesens, telemedizinische Anwendungen aber auch über die dringend notwendige Entlastung vieler Gesundheitsberufe, beispielsweise in der Pflege. Dass die Zukunft des Gesundheitswesens digital ist, darin waren sich alle Diskussionsteilnehmenden einig. Doch es fehle noch immer an geeigneter Standardisierung, technischen Voraussetzungen und umfassender Aufklärung von Ärztinnen und Ärzten sowie Patientinnen und Patienten über den Nutzen telemedizinischer Anwendungen. Günter van Aalst betonte dabei die Bedeutung politischer Entscheidungsträger: “Die Finanzierung und der Einsatz digitaler Möglichkeiten ist letztlich von Entscheidungen auf der Bundesebene abhängig. Es wird ohne politische Unterstützung nicht funktionieren. Wir brauchen die Schaffung von Akzeptanz, um etwas bewegen zu können.“

Strukturen schaffen

„Wenn telemedizinische Funktionalitäten und Konzepte versorgungsrelevant werden und nachhaltig genutzt werden sollen, braucht es Strukturen“, eröffnete DGTelemed-Vorstandsmitglied Prof. Dr. Neeltje van den Berg die anschließende Session. Doch wie können solche Strukturen geschaffen werden? Für Dr. phil. Michael Schwarzenau, Hauptgeschäftsführer der Ärztekammer Westfalen-Lippe, steht fest: Es braucht unter anderem regionale Gesundheitsbudgets und Versorgungsmodelle, integrierte Gesundheitszentren sowie die Zusammenlegung der ambulanten und stationären Bedarfsplanung in eine sektorenübergreifende Versorgungsplanung.

Ein Leuchtturm telemedizinischer Versorgung ist das Virtuelle Krankenhauses Nordrhein-Westfalen (VKh.NRW), das derzeit auf Initiative von Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, aufgebaut wird. Bereits seit Ende März 2020 können Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen die Vorstufe des VKh.NRW nutzen und fachliche Unterstützung bei der intensivmedizinischen Versorgung von an COVID-19 erkrankten Patientinnen und Patienten via Telekonsil, ausgehend von den beiden Unikliniken Aachen und Münster, bekommen. Seitdem konnte das VKh.NRW in über 2.850 Telekonsilen bei der Versorgung von mehr als 430 Erkrankten unterstützen.

„Kommunen als Agentinnen der Digitalisierung zur wohnortnahen Gesundheitsversorgung“ stellte Christine Becker, SalutoConsult, vor und widmete sich damit einer oftmals vernachlässigten Akteurin in diesem Bereich, die zwar keine gesetzliche Verpflichtung in dieser Hinsicht hat, wohl aber in der Verantwortung ist (Stichwort: Daseinsfürsorge).

Telemonitoring in die Fläche bringen

Gerade auch bei chronischen Erkrankungen kann Telemedizin unterstützen. ZTG-Geschäftsführer und DGTelemed-Vorstandsmitglied Rainer Beckers verdeutlichte am Beispiel Asthma, dass die regelmäßige digitale und engmaschige Kontrolle von physiologischen Parametern bei chronisch Erkrankten dabei hilft, schon frühzeitig eine Verschlechterung der Gesundheitswerte zu erkennen. So könne die Ärztin/der Arzt zeitnah die Medikation anpassen und drastische Verschlechterungen des allgemeinen Gesundheitszustandes verhindern. Elektronische Hilfsmittel könnten die manuelle Dokumentation abnehmen, die Daten elektronisch selbsttätig aufbereiten und an ein Telemedizin-Zentrum tagesgenau übermitteln. „Telemonitoring ist ein intelligenter und patientenorientierter Prozess, der die medizinische Versorgung verbessert. In unserem neuen Positionspapier geben wir Hinweise, wie die zur Verfügung stehenden Monitoring-Methoden besser genutzt werden könnten – und das für zahlreiche Indikationsbereiche“, schloss Beckers seine Präsentation.

Im Anschluss warf Prof. Dr. med. Friedrich Koehler, FESC, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin und Oberarzt für Kardiologie an der Medizinischen Klinik m. S. Kardiologie und Angiologie an der Charité Berlin, einen Blick in die Praxis. Er stellte insbesondere Studienergebnisse der vergangenen Jahre zur telemedizinisch unterstützen Versorgung bei Herzinsuffizienz vor. Die Sicht der Patientinnen und Patienten nahm anschließend Gerlinde Bendzuck, Mitglied im Vorstand der Deutschen Rheumaliga, in den Fokus: Ein patientenzentriertes und qualitätsorientiertes Telemonitoring als Unterstützung zur Präsenzmedizin ist ihre Vision einer optimalen Versorgung – ein Vorteil insbesondere in Regionen, in denen der Weg zur fachärztlichen Praxis sehr weit ist.

Doch warum ist Telemonitoring noch nicht flächendeckend, und von den Krankenkassen getragen, im Einsatz? Erklärungsansätze dafür führte Tom Ackermann, Vorsitzender des Vorstands der AOK NORDWEST an. Es herrschten derzeit noch zu viele verschiedene Hürden, Telemonitoring-Lösungen in die Regelversorgung zu bringen. So mangele es beispielsweise an Finanzierungsregelungen, an praktikablen Methoden zur Nutzenbewertung und an der Skalierbarkeit, um passende Kooperationsmodelle mit Ärztinnen und Ärzten zu finden. Außerdem sei die Frage offen, inwieweit alle Patientinnen und Patienten technisch in der Lage seien, Telemonitoring-Lösungen anzuwenden. Dabei wächst die Nachfrage – insbesondere bei der jüngeren Generation: Hersteller von Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) erobern den Markt. Es ist notwendig, auf die aktuellen Entwicklungen zu Gunsten der Patientinnen und Patienten zu reagieren. Dass das auch über die Landesgrenzen hinaus auf internationaler Ebene geschehen muss, dazu laden die DGTelemed und die ZTG GmbH am 23. November 2021 zur gemeinsamen Diskussion beim Kongress „Digital Health: NOW!“.

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