Wir können Gesundheit

Assistenzsysteme als Helfer oder heimliche Herrscher

Ruhr-Universität Bochum am 03.06.20

Angesichts des Personalnotstands in der Pflege sind soziale Assistenzsysteme verheißungsvoll. Aber sie haben auch ihre Schattenseiten.

In Zukunft werden immer mehr ältere Menschen auf Unterstützung in der gesellschaftlichen Teilhabe angewiesen sein. Zugleich werden die Ressourcen des Gesundheitssystems knapper. Digitale Gesundheitsangebote versprechen Abhilfe in diesem drohenden Engpass. Ihre Möglichkeiten und Vorteile, aber auch Gefahren haben Forscherinnen und Forscher aus sechs europäischen Ländern in einer Klausurwoche unter Federführung der Abteilung für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum (RUB) ausgelotet. Die Ergebnisse dieser Klausurtagung erscheinen nun als Sammelband unter dem Titel „Aging between Participation and Simulation – Ethical Dimensions of Socially Assistive Technologies in Elderly Care“ im Verlag De Gruyter. Das Buch ist open access online verfügbar.

Vom Tagesbegleiter bis zum robotischen Haustier

Aktuell werden eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme entwickelt, die sich in drei Klassen unterteilen lassen: Es gibt Systeme, die auf robotischer Basis funktionieren. Zweitens gibt es interaktive Tagesbegleiter, die beispielsweise helfen sollen, den Tagesablauf zu strukturieren, und drittens die sogenannten Companions. Sie sind vergleichbar mit robotischen Haustieren, die vor allem zur Interaktion anregen sollen. „Da es sich um einen Sammelbegriff handelt, gibt es zwischen diesen Klassen eine Vielzahl von Überlappungen“, so Mitherausgeber Dr. Joschka Haltaufderheide. „Allen gemeinsam ist, dass sie auf technische Weise eine soziale Interaktion aufbauen, also ein mehr oder weniger ausgefeiltes Subjekt imitieren, das emotionale Reaktionen interpretieren und selber darstellen kann.“ So stellen sie eine einfache Schnittstelle für ihre Nutzer bereit, die in der Regel intuitiv bedienbar ist, weil sie der normalen menschlichen Kommunikation ähnelt.

Fähigkeiten erhalten und Menschen in der Pflege entlasten

Angesichts der Ressourcenknappheit im Gesundheitssystem und der alternden Bevölkerung gelten solche Systeme zunehmend als Möglichkeit, einen drohenden Engpass zu vermeiden. Gerade das steigende Lebensalter der Menschen macht eine Gesundheitsvorsorge erforderlich, die auf eine langfristige Versorgung und Erhalt von Fähigkeiten ausgelegt ist. „Hier scheinen die Geräte ein ideales Angebot zu sein, wenn es darum geht, die ethisch bedeutsame Autonomie von Menschen trotz Einschränkungen zu erhalten“, so Haltaufderheide. Befürworter sehen auch die Möglichkeit, dass durch technische Entlastung Raum für hochwertige menschliche Pflegearbeit geschaffen wird.

Leicht zu täuschende Zielgruppe

Auf der anderen Seite befürchten Kritiker, dass diese Maschinen als diskrete Hintergrundtaktgeber zunehmend die Kontrolle über ihre Nutzer übernehmen und damit eben jene Autonomie in Frage stellen, die sie eigentlich bewahren sollen. Dies wiegt besonders schwer, weil soziale Assistenzsysteme aufgrund ihres Interfaces und der Personengruppe, an die sie sich wenden, die Gefahr bergen, dass gerade Nutzer mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten vom Gerät getäuscht werden und sich in einer echten sozialen Interaktion wähnen. Schließlich fürchten viele den Ersatz von genuin menschlicher Pflege durch technische Arrangements und damit auch den Verlust von echter Zuwendung.

„Vor diesem Hintergrund geht es uns mit dem Band darum, einen möglichst breiten Diskurs zu initiieren“, betont Joschka Haltaufderheide. „Die technologischen Entwicklungen sind nicht an sich gut oder schlecht. Vielmehr kommt es auf ihren Einsatzkontext und eine ethisch begründete Abwägung von Risiken und Chancen an.“

Förderung

Die Publikation wurde finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Originalveröffentlichung

Joschka Haltaufderheide, Johanna Hovemann, Jochen Vollmann (Herausgeber):  Aging between Participation and Simulation – Ethical Dimensions of Socially Assistive Technologies in Elderly Care, 260 Seiten, Berlin 2020, DOI: 10.1515/9783110677485

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