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Disease Interception als Chance und Herausforderung

Ruhr-Universität Bochum am 16. Juni 2023

Am 07.06.2023 fand an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) die Veranstaltung „Disease Interception als Chance und Herausforderung“ statt.

Ausrichter war das Institut für Sozial- und Gesundheitsrecht (ISGR), das sich in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen eines vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen geförderten Forschungsprojekts mit dem neuartigen medizinisches Konzept „Disease Interception“ (DI) beschäftigt hat.

Projektverantwortliche: v.l. Dr. Anke Diehl, Prof. Dr. Stefan Huster und Lara Wiese

Dieses sieht vor, krankheitsassoziierte Prozesse frühzeitig und oftmals mit Hilfe von spezifischen Biomarkern zu identifizieren und dann gezielt (etwa durch eine Medikation) zu intervenieren, bevor die Krankheit tatsächlich ausbricht. Die DI vereint Elemente von Prävention und Therapie, wodurch sie nicht nur eine neuartige Herangehensweise darstellt, sondern auch neuartige Fragen aufwirft, die im Rahmen des Projekts adressiert wurden – begleitet von und im engen Austausch mit der Universitätsmedizin Essen (UME) als „Smart Hospital“, das wegen seines hohen Digitalisierungsgrades und des dort angesiedelten Instituts für Künstliche Intelligenz (KI) in der Medizin optimale Bedingungen für die datengetriebene Forschung und damit auch die DI bietet.

Im Einklang mit der Grundidee des medizinisch-juristischen Kooperationsprojekts, gerade durch eine interdisziplinäre Zusammenarbeit Herausforderungen zu identifizieren und mögliche Lösungsansätze zu entwickeln, diente die Abschlussveranstaltung dazu, verschiedene Perspektiven, Professionen und Disziplinen miteinander in Kontakt und vor allem in die Diskussion zu bringen.

Inhalt

Die Veranstaltung war trotz des langen Wochenendes gut besucht und begann mit einer Begrüßung und Einführung von Prof. Dr. Stefan Huster (Direktor des ISGR), Lara Wiese (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISGR) und Dr. Anke Diehl (Chief Transformation Officer der UME).

In einem ersten Vortragsblock standen die Entwicklung und Anwendung von DI im Fokus: Dr. Nils Krochmann (Janssen Deutschland) referierte über einen bevorstehenden Perspektivwechsel, bei dem ein Umdenken weg von der rein “Organ- oder manifestationsbezogenen” Perspektive hin zu mehr kausaler Betrachtung stattfinde, Dr. Anke Diehl äußerte sich zur Schnittmenge des Konzepts DI mit dem „Smart Hospital“ und Prof. Dr. Klaus Gerwert (Lehrstuhl für Biophysik, RUB) stellte die Möglichkeiten und Bedeutung der biomarkerbasierten Alzheimer-Früherkennung vor.

Danach standen die Themen Digitalisierung, Datennutzung und der Einsatz von KI im Mittelpunkt. Dr. Johannes Haubold (Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie, UME) erläuterte einige KI-Anwendungen, bevor Prof. Dr. Alexandra Jorzig (Fachanwältin für Medizinrecht / IB Hochschule für Gesundheit und Soziales in Berlin) auf die Probleme und Grenzen der Datennutzung einging.

Ferner wurde untersucht, welche Herausforderungen das Konzept DI für das Recht der Gesetzliche Krankenversicherungen mit sich bringt. Lara Wiese diskutierte, ob und auf Basis welcher Rechtsgrundlage entsprechende Maßnahmen zukünftig eine „Kassenleistung“ sein könnten, Prof. Dr. Stefan Huster skizzierte die Probleme, denen DI im sog. AMNOG-Verfahren begegnet und Franz Knieps (Vorstandsvorsitzender BKK Dachverband e.V.) setzte sich mit der Frage auseinander, inwiefern DI das Sicherungsversprechen der sozialen Krankenversicherung tangiert.

Nach der Mittagspause fand ein letzter Vortragsblock zur Ethik und Patientenperspektive statt. Dr. Joschka Haltaufderheide (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Juniorprofessur für Medizinische Ethik mit Schwerpunkt auf Digitalisierung an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften Brandenburg) befasste sich mit den ethischen Implikationen technisch produzierter Entscheidungsräume, Dr. Martin Danner (Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung, chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen e.V.) mit der Entscheidungssituation für Patientinnen und Patienten und Dr. Sarah Diner (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute for Medical Humanities der Medizinischen Fakultät an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) mit den Herausforderungen in der Vermittlung von Risikowissen.

Die Veranstaltung endete nach einer mit Prof. Dr. Alexandra Jorzig, Franz Knieps, Birgit Fischer (Staatsministerin a.D. / ehem. Hauptgeschäftsführerin des vfa), Prof. Dr. Thomas Jäschke ((FOM – Hochschule für Oekonomie und Management / JÄSCHKE GRUPPE) und Dr. Silvia Woskowski (Rechtsanwältin) hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion. Während dieser wurde nicht nur die Bedeutung der Digitalisierung, Gesundheitsdatennutzung und IT-Sicherheit betont, sondern auch, wie wichtig es ist, das Thema DI multiprofessionell anzugehen und interdisziplinär zu diskutieren.

Fazit

Frank Knieps fasste treffend zusammen, nicht nur das Konzept DI bringe Hoffnung, sondern auch die Veranstaltung selbst – und zwar Hoffnung darauf, die mit der DI assoziierte Vision einer Welt mit weniger Krankheiten durch eine proaktive, personalisierte und prädiktive Medizin gemeinsam in bestmöglicher Weise Realität werden zu lassen.

Sowohl das Projekt als auch die Veranstaltung und der aus ihr noch hervorgehende Tagungsband beabsichtigen einen Beitrag dazu zu leisten, die Herausforderungen in Verbindung mit der DI zu erkennen und zu bewältigen, damit dieses vielversprechende Konzept perspektivisch Eingang in die Versorgung finden kann.

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