Wir können Gesundheit

Hebammenversorgung in Nordrhein-Westfalen nicht immer optimal

Hochschule für Gesundheit am 20.11.19

Kamen zusammen, um die Ergebnisse der Studie in der Öffentlichkeit vorzustellen (im Bild v.l.n.r.): Dr. Frank Stollmann (Gesundheitsministerium), Prof. Dr. Nicola Bauer (Leiterin der Hebammenbefragung), Prof. Dr. Rainhild Schäfers (Leiterin der Mütterbefragung), Prof. Dr. Anne Friedrichs (Präsidentin der hsg Bochum) und Arndt Winterer (Leiter des LZG.NRW).
Foto: hsg

Das Team des Forschungsprojektes ‚HebAB.NRW – Geburtshilfliche Versorgung durch Hebammen in Nordrhein-Westfalen (NRW)‘ hat am 20. November 2019 erste Ergebnisse zur Versorgung von Frauen mit Hebammenhilfe in NRW vorgelegt. Erstmals liegen nun die Studienergebnisse zur Frage vor, ob die Versorgung von Frauen mit Hebammenhilfe in NRW gewährleistet ist. An der bisher umfangreichsten Studie zur geburtshilflichen Versorgung in Deutschland haben 1.783 Frauen und 1.924 Hebammen teilgenommen.

Hebammenwissenschaftlerin Prof.in Dr.in Rainhild Schäfers betonte im Rahmen der Abschlussveranstaltung des Projektes HebAB.NRW die Wichtigkeit der Versorgung von Frauen in der reproduktiven Lebensphase mit Hebammenhilfe: „Die Erlebnisse und die Betreuung in diesem Zeitraum prägen Frauen und ihre Kinder noch Jahre später und nehmen Einfluss auf deren Gesundheit. Eine bestmögliche Versorgung in dieser Zeit bedeutet auch Wertschätzung für Frauen und Familien.“

Die Studie HebAB.NRW zeigt, dass die teilnehmenden Frauen durchschnittlich 23,8 Minuten bis zum Kreißsaal, in dem sie ihr Kind geboren haben, benötigten. 78,3 Prozent der Frauen gaben an, dass die Hebamme im Kreißsaal genügend Zeit für sie hatte.
„Allerdings ist der Zugang zur Versorgung nicht barrierefrei und kann für Frauen überfordernd sein. Die Frauen mussten durchschnittlich vier Hebammen anrufen, um eine für ihre Betreuung im Wochenbett zu finden. 7,8 Prozent der teilnehmenden Frauen riefen mehr als zehn Hebammen an“, erklärte Rainhild Schäfers, die die Mütterbefragung der Studie durchgeführt hat.

Eine aufsuchende Betreuung im Wochenbett, also eine Betreuung zu Hause im Zeitraum bis zu zwölf Wochen nach der Geburt, haben 92,8 Prozent der teilnehmenden Frauen in Anspruch genommen.

Schäfers: „Deutliche Lücken in der Versorgung zeigten sich zum Beispiel bei 1,1 Prozent der Frauen. Sie wurden mit Wehen im Kreißsaal abgewiesen, weil dieser zum Beispiel überfüllt war. 14,5 Prozent der Frauen hätten sich mehr Betreuung während der Geburt gewünscht. 6,8 Prozent der Frauen fanden keine Hebamme für die Betreuung in der Schwangerschaft und 3,2 keine für die Betreuung im Wochenbett. 21,9 Prozent der Frauen hätten sich eine Begleit-Beleghebamme zur individuellen Betreuung während der Geburt gewünscht, aber konnten keine finden.“

Darüber hinaus zeigt sich durch die Befragung der Hebammen, dass die Hebammen sowohl im klinischen als auch im ambulanten Bereich absolut an die Grenzen ihrer Versorgungskapazitäten stoßen. „Jede zweite außerklinisch tätige Hebamme gab an für die nächsten sechs Monate ausgelastet zu sein und keine weiteren Frauen betreuen zu können. Die Mehrzahl der freiberuflich tätigen Hebammen lehnt aufgrund fehlender Kapazitäten mehrmals pro Woche Anfragen für Wochenbettbetreuungen ab“, sagte Prof.in Dr.in Nicola Bauer, Leiterin des hsg-Studienbereichs Hebammenwissenschaft. Sie ist verantwortlich für die Hebammenbefragung im Projekt.

43,1 Prozent der Hebammen schrieben im letzten Monat eine Gefahrenanzeige und meldeten damit eine massive Arbeitsbelastung beziehungsweise Ressourcendefizite im Kreißsaal. 25,6 Prozent der Hebammen berichteten über eine vorübergehende Schließung des Kreißsaals. „Hauptgründe dafür sind fehlendes Hebammenpersonal oder fehlende Räume“, erläuterte Nicola Bauer.

Die hier dargestellten Daten sind das Ergebnis erster Analysen. Weitere Analysen werden sich unter anderem mit der Qualität der Hebammenarbeit aus Sicht der Frauen sowie Gesundheitsparametern von Hebammen, wie subjektive Gesundheitseinschätzung und Burnout, befassen. Bauer: „Wir benötigen in der Zukunft Versorgungsmodelle, die auch für die Gesundheit von Hebammen förderlich sind.“

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann erklärte zur Studie: „Die Hebammen in Nordrhein-Westfalen machen eine sehr gute Arbeit. Auch wenn die geburtshilflichen Abteilungen sehr gut erreichbar sind und der Großteil der Frauen ihr Kind an dem von ihnen gewünschten Ort bekommen, sehe ich in manchen Punkten Handlungsbedarf: 19 Prozent der Mütter mussten mehr als sechs Hebammen anrufen, um eine Zusage für eine Betreuung zu erhalten. Auch die Hebammen werden durch viele Anfragen belastet. Hier scheint es ein Vermittlungsproblem zu geben. Daher werde ich die Einrichtung einer digitalen Plattform zur passgenauen und wohnortnahen Vermittlung unterstützen.

„Ein weiterer Punkt sind Hinweise auf eine zunehmende Belastung von Hebammen in den Krankenhäusern. Hier braucht es in der zukünftigen Akademisierung der Hebammenausbildung genügend Studienkapazitäten. Wir brauchen mehr qualifizierten Nachwuchs. Eine Möglichkeit zur Verbesserung der Arbeitszufriedenheit der Hebammen ist auch der hebammengeleitete Kreißsaal. Dazu läuft derzeit eine entsprechende Studie, deren Ergebnisse ich Anfang 2020 erwarte. Bei positiven Ergebnissen werde ich die Verbreitung dieses Modells für Nordrhein-Westfalen in geeigneter Weise unterstützen“, sagte Laumann.

Die HebAB.NRW-Studie wird vom Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen (LZG.NRW) gefördert (Förderkennzeichen LZG TG 72 001/2016) und hat eine Laufzeit vom 21.11.2016 bis zum 30.06.2020.

Das HebAB.NRW-Projektteam besteht aus folgenden Wissenschaftler*innen: Professorin Dr. Nicola Bauer, Professorin Dr. Rainhild Schäfers, Professor Dr. Thomas Hering, Mirjam Peters, Andrea Villmar.

Kinder- & Jugendmedizin

MedEcon Ruhr © 2019

Wir können Gesundheit
MedEcon Ruhr