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Richtungsweisende Schlaganfall-Studie schließt Behandlungsmethode aus und identifiziert Erfolgsfaktoren

Universität Duisburg-Essen am 19.02.20

Schlaganfälle zählen zu den häufigsten Todesursachen: in Deutschland gibt es keine neurologische Erkrankung, die mehr Menschen betrifft. Ein Team um Prof. Dr. Dirk M. Hermann von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen (UDE) hat sich in einer 3-jährigen Studie der Erforschung der am weitesten verbreiteten Variante verschrieben: dem ischämischen Schlaganfall, auch Hirninfarkt genannt. Die Ergebnisse einer weltweiten klinischen Studie sind jetzt in The Lancet Neurology* veröffentlicht worden.

In der Schlaganfall-Forschung hat man sich die vergangenen 30 Jahre vor allem auf Therapien in der Akutphase konzentriert, die ein Zeitfenster von wenigen Stunden bis Tagen nach einer Durchblutungsstörung im Gehirn meint. „Dort steckt man aber in einer Sackgasse“, sagt Prof. Hermann, Lehrstuhlinhaber für Vaskuläre Neurologie, Demenz und Altersforschung an der UDE. In der Studie richtet sich der Fokus deshalb auf die Wochen und Monate nach einem Schlaganfall, die Postakutphase. „Trotz der Fortschritte in der Akuttherapie leidet die Mehrzahl aller Schlaganfall-Patienten langfristig an neurologischen Defiziten wie Lähmungserscheinungen, Koordinations- und Sprachstörungen“, betont Dirk Hermann von der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen.

Die Schlaganfall-Forscher richten ihr Augenmerk daher verstärkt auf die Entwicklung plastizitätsfördernder Therapien in der Postakutphase. „Gesucht werden Mittel, die nach einem Schlaganfall Nervenzellen im gesundgebliebenen Hirngewebe stimulieren, damit diese auswachsen können und neue Nervenzellverbindungen schaffen.“ Zellen sind lernfähig, sie können ein Leben lang neue Zuständigkeiten übernehmen. Geforscht wird nach einem Medikament, das sie unterstützt, zukünftig die Aufgaben abgestorbener Zellen wahrzunehmen, wodurch die Schlaganfall-Erholung begünstigt würde.

In der weltweit größten Studie ihrer Art untersuchte Prof. Hermann über 3 Jahre hinweg die Wirksamkeit des vielversprechenden GABAA α5 Rezeptor-Hemmstoffs S44819. Der erhoffte erholungsfördernde Effekt konnte zwar nicht bestätigt werden; aber anhand der Studie können Forschende jetzt Wesentliches über die Faktoren lernen, die die Erfolgswahrscheinlichkeit künftiger Postakutstudien beeinflussen. „Patienten müssen über Monate hinweg betreut und nachuntersucht werden. Dies bringt für die Erforschung neuer Medikamente beträchtliche Herausforderungen mit. Wir werden in Zukunft Studienprotokolle verwenden, die Funktionsverbesserungen feiner graduiert erfassen“, sagt Schlaganfall-Spezialist Hermann. Die Autoren sind zuversichtlich, dass es dank der Erkenntnisse gelingen wird, wirksame Therapien in die klinische Schlaganfall-Versorgung zu bringen.

Der Artikel ist am 18.02.2020 in der März-Ausgabe der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet Neurology (https://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422(20)30004-1/fulltext) erschienen (Band 19, Nr. 3, S. 226-233; https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1474442220300041?via%3Dihub).

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