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Wie Philosophie das Verständnis von Schmerzen verändern kann

Ein deutsch-kanadisches Forschungsteam plädiert für einen ganzheitlicheren Ansatz.

Ruhr-Universität Bochum am 26.04.21

Chronische Schmerzen können in vielen Fällen bislang nur unzureichend behandelt werden. © RUB, Marquard

Wie man mithilfe von philosophischen Ansätzen Schmerzen und Schmerztherapien neu betrachten kann, haben Dr. Sabrina Coninx und Dr. Peter Stilwell untersucht. Die Forscherin von der Ruhr-Universität Bochum und der Forscher von der kanadischen McGill University setzen sich dafür ein, die Therapie chronischer Schmerzen nicht nur darauf zu reduzieren, dass die zugrunde liegenden physiologischen Veränderungen behandelt werden. Sie schlagen vielmehr einen Ansatz vor, der den Menschen als Ganzes in den Fokus nimmt. Ihre Arbeit ist in der Zeitschrift „Synthese“ erschienen, online veröffentlicht am 15. April 2021.

Chronische Schmerzen können bislang in vielen Fällen nicht wirksam behandelt werden. Das hat Forscherinnen und Forscher verschiedener Disziplinen in den vergangenen Jahren dazu motiviert, auf neue Weise über Schmerzen und ihre Therapie nachzudenken. „Schmerzforschung und klinische Praxis finden nicht in einem luftleeren Raum statt, sondern gehen mit meist impliziten Annahmen darüber einher, was Schmerzen sind und wie sie zu behandeln sind“, sagt Sabrina Coninx, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bochumer Graduiertenkolleg Situated Cognition. „Uns geht es darum, diese Annahmen zu beleuchten und auszuloten, wie wir mithilfe von philosophischen Ansätzen Schmerzen und Schmerztherapien neu betrachten können.“ In ihrer Arbeit entwickeln der Autor und die Autorin einen holistischen, integrativen und handlungsorientierten Ansatz.

Patientinnen und Patienten als Ganzes betrachten

Konkret schlagen sie drei Dinge vor: Erstens sollte die Auseinandersetzung mit Schmerzen mehr sein als die Suche nach und Behandlung von zugrunde liegenden physiologischen Veränderungen. Ein holistischer Ansatz stellt Patientinnen und Patienten als Ganzes in den Fokus und schafft Raum für ihre Erfahrungen, Sorgen, Erwartungen und Narrative. Auch dem Einfluss sozialer Praktiken in der Entstehung von chronischen Schmerzen sollte Rechnung getragen werden. So werden Schmerzpatienten anfangs oft dazu motiviert, sich bei Verletzungen zu schonen und Aktivität zu vermeiden, was am Anfang sinnvoll sein mag, auf Dauer jedoch zur Chronifizierung beitragen kann.

Zweitens sollten chronische Schmerzen laut den Forschenden als Ergebnis eines dynamischen Prozesses verstanden werden, in dem viele verschiedene Faktoren auf nicht lineare Weise zusammenwirken. So ist beispielsweise die eigentliche Ursache eines Schmerzes nicht notwendiger Weise auch die Ursache für dessen Chronifizierung und muss auch nicht entscheidend für die Behandlung sein. Es gilt daher, das komplexe Zusammenspiel von subjektivem Erleben, Erwartungshaltungen, erlernten Verhaltensmustern, neuronaler Reorganisation, Stigmatisierung und weiteren Faktoren zu berücksichtigen.

Fokus auf Handlungsmöglichkeiten

Drittens sollten Patientinnen und Patienten laut Coninx und Stilwell mehr dazu ermuntert werden, sich interaktiv mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen und Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass chronische Schmerzen die Art und Weise, wie Patienten sich selbst und ihre Beziehung zur Umwelt wahrnehmen, grundlegend verändern. Ein Bestandteil von Schmerzbehandlungen kann es daher sein, den Patienten oder die Patientin darin zu unterstützen, positiv assoziierte und persönlich bedeutungsvolle Handlungsoptionen verstärkt wahrzunehmen und sich selbst wieder als handlungswirksam zu begreifen. Der Körper tritt dann weniger als Hindernis in den Fokus, stattdessen achten die Patienten mehr auf ihre Möglichkeiten, den Einschränkungen entgegenzuwirken.

Originalveröffentlichung

Sabrina Coninx, Peter Stilwell: Pain and the Field of Affordances – An enactive approach to acute and chronic pain, in: Synthese, 2021, DOI: 10.1007/s11229-021-03142-3

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